Ich war ein halbes Tertial in Norwich, für mich war es der zweite Teil meines chirurgischen Tertials. Insgesamt muss man sagen, dass das englische Gesundheitssystem sehr anders ist in der Form der Strukturierung des Personals und in meinem konkreten Fall auch in der Organisation des Krankenhauses, sodass ich erstmal eine ganze Weile gebraucht habe, um zu verstehen, wer eigentlich was macht und welche Patienten wo untergebracht sind, etc. Man bekommt eine Person als Supervisor zugeordnet, die ein Consultant ist und damit für einen bestimmten Bereich so eine Mischung aus Ober- und Chefarzt darstellt. In meinem Fall war das Mr Luke Evans aus der Emergency Assessment Unit for Surgery (EAUS), sodass ich dann auch diesem Bereich zugeteilt war. Mr Evans ist ein super herzlicher und lieber Mensch, den es immer total gefreut hat, wenn er einen gesehen hat und er einem weiterhelfen konnte – wirklich super! Grundsätzlich muss man sagen, dass man mit dem Supervisor die genaue Organisation der Zeit vor Ort bespricht (und das auch offiziell zu Beginn und zu Ende dokumentiert werden muss für die Bescheinigung, die dann das zuständige Büro (siehe unten zum Thema Bewerbung) am Ende ausstellt. Mr Evans hat mir jedoch sehr viel Freiheit gegeben, da es ihm vor allem wichtig war, dass man das mitnehmen kann, auf das man Lust hat und wo man für sich selbst etwas lernen kann. Das hat negativerweise gerade am Anfang jedoch auch erstmal dazu geführt, dass ich eigentlich keine klaren Aufgaben hatte, wie man das aus Deutschland aus dem PJ kennt, und auch die Studierenden vor Ort, z.B. im OP, eigentlich kaum eingesetzt werden und das daher gar nicht so bekannt war, was wir als PJler eigentlich machen. Der große positive Punkt war daran aber, dass man dadurch unendlich viel Freiheit hatte, wirklich dorthin zu gehen, worauf man Lust hatte, und so habe ich einfach mal in alles reingeschaut, was die EAUS so bietet.
Meine Hauptzeit habe ich auf jeden Fall im OP verbracht. Zu Beginn bedeutete das jedoch, aus oben genanntem Grund, dass man wirklich oft da sein musste, um Präsenz zu zeigen und den Operateuren zu demonstrieren, dass man wirklich interessiert war und auch offen dafür war, selbst mitanzupacken. Das haben dann wirklich viele mit der Zeit bemerkt und haben einen oft assistieren lassen - auch wenn sie eigentlich genügend Leute gehabt hätten, auch ohne einen PJler :D Hier durfte man dann viel bei den laparoskopischen OPs dabei sein und die Kameraführung machen und nähen, aber auch bei Laparotomien, etc. dabei sein. Auch bei anderen Fachrichtungen, wie vascular oder colorectal, mitreinzugehen, war nie problematisch. Oft haben sich die jeweiligen Consultants sehr gefreut, manche hatten auch richtig Lust, einem was beizubringen, obwohl man nur mal kurz für eine OP mit dabei war. Gerade für colorectal wurde ich sogar eingeladen, bei einer Tagung mit dabei zu sein, was auch sehr spannend war!
Zwischen den OPs gab es oft auch nicht unwesentlich viel Leerlauf, sodass ich mich dann auch oft an die Anästhesie drangehängt habe, die sich auch oft sehr gefreut haben und einen gerne Braunülen legen, intubieren, etc. lassen haben :)
Ansonsten gab es natürlich auch noch andere Bereiche: So konnte man sich z.B. immer mit dranhängen, wenn die Visite auf Station stattgefunden hat. Diese hat jedoch meistens wirklich viele Stunden gedauert, da sehr viele Patienten über viele Stationen hinweg visitiert werden mussten. Man selbst konnte dabei auch eigentlich außer etwas Dokumentation wenig beitragen.
Man konnte jedoch auch immer zu den Sprechstunden der jeweiligen Consultants mitgehen, wo man dann auch die Patienten selbst vorab sehen und untersuchen durfte, um sie dann dem Consultant vorzustellen. Ähnliches war auch in der quasi internen Notaufnahme der EAUS möglich, wann immer man darauf Lust hatte. Einmal waren wir als Studis auch einfach spontan als Patienten für einen Advanced Life Support Course mit dabei, was auch sehr lustig war und die super flache Hierarchie zu unserem Supervisor und zu den anderen Mitarbeitern nochmal total deutlich wurde, was sehr schön war :)
Möglich war es z.B. auch, mit in die Sonographie zu gehen, die vor Ort von der Pflege durchgeführt wird.
Kleidung:
Insgesamt muss man dort im Business-Stil zur Arbeit kommen. Zumindest in meinem Bereich haben aber auch viele die Kleidung aus dem OP angezogen und sind damit auch auf den Stationen herumgelaufen, das war da relativ entspannt im Endeffekt.
Finanzen:
Kostentechnisch muss man sagen, dass die Lebenshaltungskosten in England wirklich nochmal deutlich teurer sind als in Deutschland und man nicht nur nicht bezahlt wird, sondern sogar auch keine Vergünstigungen für Essen o.ä. bekommt.
Norwich als Stadt:
Norwich ist aber wirklich eine sehr süße Stadt mit vielen Bars und Cafés und mit vielen Parks, die wirklich gerade im Sommer zum Verweilen und Spazieren einladen. Und auch bis zur Küste oder nach Cambridge oder London ist es nicht weit. Gerade mit dem Bus kommt man dort wirklich gut herum :)
Unterkunft:
Von der Klinik aus kann man, wenn gerade verfügbar, ein Zimmer für die Zeit mieten. Da dies aber ungefähr 750 Pfund gekostet hätte, habe ich mich privat nach etwas umgesehen und bin über spareroom.uk fündig geworden und habe mit der Vormieterin per Video telefoniert und alles vorab vereinbart. Leider musste ich dann vor Ort feststellen, dass sowohl in meinem Zimmer als auch in der gesamten Wohnung sehr viel Schimmel und Schmutz generell war. Zudem haben alle in der WG nur ihre eigenen Sachen verwendet, sodass ich mir noch einen Grundsatz an Geschirr, etc. zulegen musste. Was ich damit sagen will: Aufpassen! :D
Transport:
Für den ÖPNV kann man am besten FirstBus nutzen - hier gibt es auch Rabatt über die Klinik, der Vertrag läuft dann jedoch eigentlich ein ganzes Jahr. Ich habe es leider zu spät bemerkt, aber mir wurde dann gesagt, dass man das Lastschriftmandat einfach vorzeitig entziehen soll, das hat dann auch so geklappt :D
Bewerbung
Die Bewerbung lief über das PGME-Office der Klinik (https://pgme.nnuh.nhs.uk/). Beworben habe ich mich circa ein knappes halbes Jahr im Voraus, was wirklich super gut gereicht hat. Die Angestellten des Büros sind auch gut zu erreichen und helfen einem gerne weiter. Bei vielen Kliniken in England braucht man ein Sprachzertifikat, das nicht älter als 2 Jahre ist, aber in Norwich war es egal, wenn das älter war, was super praktisch ist! Die Tests dafür sind ja auch nicht ganz billig :) Meinen Fachrichtungswunsch habe ich letztendlich nicht bekommen, aber das war ein Glücksgriff, denn mein Supervisor Mr Luke Evans war einfach super! Ansonsten immer gut aufpassen, denn es gibt spezielle chirurgische Fachrichtungen, die in Deutschland nur als Wahlfach und nicht im Rahmen des chirurgischen Tertials angerechnet werden!