Direkt vorweg - das Chirurgie-Tertial am Klinikum Links der Weser kann man empfehlen, auch für Studierende, die (wie ich) zuerst weniger begeistert von der Chirurgie sind.
In der Chirurgie am KLdW gibt es zwei Normalstationen (51 und 52) und ein paar Patienten auf der Privatstation (Sylt). Die PJler*innen werden nicht explizit zugeteilt, man versucht selbst, sich gerecht auf die 51 und 52 zu verteilen, damit es genug Aufgaben für alle gibt. Auf der Sylt müssen nur die Blutentnahmen für den Chef gemacht werden, manchmal kann man dann bei seiner Visite mitlaufen, dann erklärt er auch gerne was.
Die Blutentnahmen und das Legen von Zugängen auf den Stationen sind PJler*innen-Aufgabe, zur Visite kann man immer mit, man muss es nur einfordern und eventuell die Blutentnahmen einfach während der Visite vervollständigen. Die meisten Assistenzärzt*innen erklären gerne, wenn man fragt. Leider schwankt die Besetzung stark – von einzelnen Assistent*innen oder Physician Assistants kann man viel lernen, andere wiederum sind selber schlecht eingearbeitet oder leider auch wenig kompetent. Aufgrund der wechselnden Besetzung war es leider auch nicht durchzusetzen, ein Zimmer eigenständig zu betreuen.
Es gibt ein PJ-Telefon, über das man angerufen wird, wenn im OP Hilfe benötigt wird. Das passiert bei ca. 1-2 OPs am Tag. Es gibt Tage, da wird gar keine Hilfe gebraucht, aber auch Tage an denen 4-5 OPs besetzt werden müssen. Wer zuschauen möchte, ist immer herzlich willkommen und man darf eigentlich immer mit an den Tisch. Hilfe wird fast nur im allgemeinchirurgischen OP gebraucht, dort geht es oft um Kameraführung bei Cholezystektomien oder TAPPs oder um das klassische Hakenhalten bei darmchirurgischen OPs. Die Atmosphäre im OP ist angenehm, sowohl mit der OP-Pflege als auch mit den Oberärzt*innen, die im OP teilweise auch von sich aus viel erklären.
Wir konnten immer gemeinsam mit den PJler*innen Mittag essen gehen, die Preise in der Kantine sind in Ordnung, das vegetarische Angebot auch. Wenn man sich aber lieber etwas vorkochen mag, gibt es dort auch eine Mikrowelle zum Aufwärmen.
Nach der Mittagspause gibt es entweder Fortbildungen oder man unterstützt beim Schreiben der Arztbriefe auf Station. In der Notaufnahme kann man Patient*innen je nach betreuenden Ärzt*innen recht eigenständig versorgen. Eine feste Rotation dorthin gibt es nicht, aber man ist dort immer willkommen. Man kann Dienste mitmachen und bekommt dafür entsprechend frei, dabei verbringt man viel Zeit in der Notaufnahme, was insbesondere am Wochenende sehr spannend sein kann.
Positiv hervorzuheben ist, dass man einen PC-Zugang mit vielen Berechtigungen hat, mit dem man sehr eigenständig arbeiten kann. Die Bezahlung wurde während meines Tertials von 649€ auf 812€ angehoben und es gibt eine PJ-Umkleide, teilweise mit eigenem Spind. Meist durfte man zwischen 13-15 Uhr gehen.
Es gibt die Möglichkeit, eine Woche in die Herzchirurgie rotieren und einen Tag auf dem NEF mitzufahren. Beides ist super spannend und sehr zu empfehlen! Leider ist die betreuende Oberärztin sehr restriktiv mit diesen Rotationen, sodass eine Verlängerung nicht möglich ist. Fremdrotationen sind ebenso nicht möglich.
Die Fortbildungen sind so eine Sache – einmal im Monat gibt es einen Pflicht-Fortbildungstag in Hamburg (=Studientag), den muss man als gemeinsamen Ausflug mit den anderen PJler*innen sehen, inhaltlich sind die Vorträge dort den langen Anfahrtsweg meist nicht wert. Dienstags gibt es chirurgische Fortbildungen, rotierend zwischen den Klinikstandorten Links der Weser, Ost und Nord. Wenn die Fortbildungen am KLdW sind, dann ist es entspannt, die Fahrtwege zu den Standorten Ost und Nord sind sehr lang und auch das lohnt sich leider oft nicht. Mir ist unerklärlich, warum es nicht möglich ist, sich zu den Fortbildungen an fremden Standorten online zuzuschalten. Wenn man im OP gebunden ist oder so, kann man aber auch anrufen und muss nicht hinfahren… ;) Mittwochs gibt es Fortbildungen von der Kardiologie, die auch für die chirurgischen PJler*innen offen und zudem freiwillig sind. Diese Fortbildungen sind sehr empfehlenswert, auch der freiwillige EKG-Kurs, der anschließend am Standort Mitte angeboten wird, kann sehr hilfreich sein. Donnerstags gibt es eine Fortbildung mit der sehr engagierten PJ-verantwortlichen Oberärztin, die man selber mitgestalten kann, auch das ist oft gut.
Es gibt einmal im Tertial eine PJ-Woche, bei der man hauptsächlich theoretische Fortbildungen hat – jeden Tag an einem anderen der 4 Standorte Links der Weser, Nord, Mitte und Ost. Die Vortragsqualität ist wie aus dem Studium gewohnt – wechselhaft… Da hätte man mehr draus machen können, insbesondere mehr praktische Workshops, für den Kontakt zu anderen PJler*innen ist es aber cool. Insgesamt hat man einen guten Kontakt zu den anderen PJler*innen, wir waren ein gutes Team und haben viel unternommen.
Wenn du dich für ein Chirurgie-Tertial am KLdW interessierst, bist du bestimmt schon auf die BIPSTA gestoßen. Das ist ein interprofessionelles Projekt, bei dem man mit Pflegeschüler*innen zusammen Patient*innen unter enger Supervision von Praxisanleiter*innen und Oberärzt*innen betreut. Das Projekt ist eine super Idee, solche Ausbildungsstationen gibt es nicht an vielen Kliniken. Man muss aber sagen, dass nur ein Patient pro PJler*in vorgesehen ist, damit ist man je nach Komplexität des Falles und je nach eigenem Wissensstand oft nicht sehr lange beschäftigt und so ergibt sich viel Leerlauf. Wir haben uns sehr aktiv bemüht, mehr Patient*innen zu betreuen, mehr als 2 Patient*innen pro PJler*in konnte aber in der Betreuung durch Oberärzt*innen und Praxisanleiter*innen nicht umgesetzt werden, dessen sollte man sich im Vorfeld bewusst sein.
Insgesamt ist das Chirurgie-Tertial am KLdW empfehlenswert, es gibt Vor- und Nachteile. Man wird hier sicher nicht die großen chirurgischen OPs sehen und wenn man Chirurgie machen will, wird man an anderen Kliniken wahrscheinlich mehr sehen. Für ein Pflicht-Tertial sind die Rahmenbedingungen aber einfach gut, man kommt gut durch das Tertial und Projekte wie die BIPSTA lockern das Tertial auf und bereiten auf das M3 vor. Außerdem hat die Stadt Bremen viel zu bieten, das hat mich positiv überrascht.