Achtung: Fachrichtung ist eigentlich "Öffentliches Gesundheitswesen"! (Gab es in der Drop-Down Auswahl nicht)
Wenn ich mein PJ-Tertial im Gesundheitsreferat München in einem Satz beschreiben müsste: Unglaublich abwechslungsreich, spannend und super betreut!
Das Arbeiten im Gesundheitsamt ist ein ganz anderes als im klassischen Klinikalltag. Der Fokus liegt nicht auf der Behandlung einzelner Patienten, sondern viel mehr auf der Krankheitsprävention und dem Schutz der Bevölkerung insgesamt, zum Beispiel vor ansteckenden Krankheiten. Das fand ich sehr sinnstiftend. Neben klassisch medizinischen Inhalten lernt man auch viel über rechtliche Grundlagen, gewinnt interkulturelle Kompetenzen und entwickelt ein besseres Verständnis von gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland.
Kurzfassung: Ganz konkret bin ich während meines viermonatigen Tertials fast alle zwei Wochen in eine völlig neue Abteilung rotiert. Infektionskrankheiten sind ein zentrales Thema (z.B. bei Tuberkulosescreenings, dem Management von Ausbrüchen im Krankenhaus, Impfberatungen und Hygienebegehungen); man lernt aber auch Angebote der sozialpsychiatrischen Beratung kennen, ist bei Erstaufnahmeuntersuchungen für Asylbewerber dabei und kann kinderärztliche Schuleingangsuntersuchungen und Sprechstunden zur seelischen Gesundheit mit durchführen. Am besten hat es mir im Meldewesen für Infektionskrankheiten und in der Kinder- und Jugendmedizin gefallen.
Ein paar ausführlichere Details zu den einzelnen Rotationen:
- Tuberkulosemanagement: Start um 8, in der Schwanthalerstraße. Viele Röntgen-Thorax zum Screening auf Tuberkulose, ggf. mal Quantiferon-Tests + Management schwieriger Patienten (Therapie-Überwachung). Nette, etwas kleinere Abteilung.
-Meldewesen (Infektionskrankheiten): Start um 8.30h, im Haupthaus in der Bayerstraße. Super abwechslungsreich, weil es so viele verschiedene meldepflichtige Infektionskrankheiten gibt. Nachdem eine Infektionskrankheit gemeldet wurde, ruft man die Patienten / Familien an, bespricht Erkrankung + Konsequenzen (z.B. Besuchsverbot für Schule bei Windpocken / Pertussis / ...). Hauptarbeit vom Schreibtisch aus per Telefon, man kann recht eigenständig Fälle übernehmen und sich anhand von RKI Ratgebern und Verfahrensanordnungen schnell einarbeiten.
- Sterbewesen: Start um 8.30h, im Haupthaus in der Bayerstraße. Durchsicht von Todesbescheinigungen (Kausalkette plausibel?). Außerdem wird man nachmittags in die Rechtsmedizin geschickt, um dort Leichenschau zu lernen. In der Rechtsmed sieht man außerdem viele Sektionen, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte; im Endeffekt war das aber wirklich spannend, es kommen wirklich interessante Fälle "auf den Tisch", und man kann nochmal viel aus einem anderen Fachgebiet lernen.
- Sozialpsychiatrischer Dienst: Start um 9h in der Paul-Heyse-Straße auch in Bahnhofsnähe. Eine Woche Rotation reicht, um alles zu sehen. Es ist ganz cool, dort auch das Arbeiten anderer Professionen kennen zu lernen (Soziale Arbeit, Psychotherapie).
- Infektionshygiene: Start um 8.30h im Haupthaus in der Bayerstraße, sehr gut organisiert, man wird zu verschiedenen Begehungen mitgenommen (z.B. Begehung einer Station im Krankenhaus nach Ausbruch von Enterokokken) und evaluiert dann dort die Hygienebedingungen. Cool, weil man viel unterwegs ist und verschiedene medizinische Settings kennenlernt von Privatpraxis bis zu ambulanten Pflegeeinrichtungen.
- Kinder- und Jugendgesundheit: Start um 8.30h in der Bayerstraße. Vier Wochen Rotation dorthin lohnen sich! Ich war zuerst für 2 Wochen in der Schulgesundheit (dort macht man zum einen Schuleingangsuntersuchungen mit inkl. Entwicklungsscreenings und zum anderen gibt es dort die Schulsprechstunde v.a. für Kinder/Jugendliche, die aus irgendeinem Grund gerade häufiger nicht zur Schule gehen; Stichwort Schulabsentismus. Wirklich spannender Mix aus somatischer und psychosomatischer Medizin, man sieht interessante Familienkonstellationen). Danach war ich für eine Woche in der Seelischen Gesundheit für Kinder- und Jugendliche; dort versucht man, diejenigen Familien aufzufangen, die ansonsten "durchs System rutschen" und nirgendwo sonst angebunden sind. Auch mega spannend, sowohl psychologisch als auch sozialmedizinisch. Man lernt dort neben klassischer körperlicher Untersuchung z.B. psychologischeLeistungsdiagnostik kennen oder interdisziplinäres Vorgehen bei Kinderschutzfällen. Meine vierte Woche habe ich in der Prävention für Kinder bis 6 Jahre verbracht - da ist man viel auf Außendienst mit Kinderkrankenschwestern und Familienhebammen unterwegs (z.B. Beratung und Aufklärung frisch gebackener Mütter) in Privathaushalten oder auch in Unterkünften. Insgesamt für mich die coolste Rotation! Die Tage sind sehr abwechslungsreich, man kann viel eigenständig machen (körperliche Untersuchung, Gespräche mit führen, Screenings übernehmen).
- Impfwesen: Start zwischen 8 und 8.30h in der Schwanthalerstraße; eine Woche ist eine gute Länge für die Rotation dorthin. Super, um Impfwissen aufzufrischen (inkl. Beratung; Reiseimpfungen). Eigenständig Impfen war immer möglich; jeden Tag wird Theorie mit einem besprochen.
Fortbildungen: Es gibt in jeder Abteilung ein super gutes Teaching - dadurch, dass man der einzige PJ-ler ist, ist immer genug Zeit, um tonnenweise Fragen loszuwerden. Die meisten Abteilungen überlegen sich darüber hinaus im Vorhinein, welche inhaltlichen Schwerpunkte sie mit einem durchsprechen wollen - das ist dann wie "Privatfortbildung". Dafür gibt es allerdings keine strukturierten Fortbildungen mit anderen Studis, wie man sie aus anderen Tertialen an Krankenhäusern kennt.
Studientage: Es gibt keine festen Studientage, allerdings kann man einzelne Studientage durchaus mit den PJ-Koordinatorinnen besprechen, die sind sehr unterstützend.
Für München habe ich mich entschieden, weil das Gesundheitsreferat eins der größten Gesundheitsämter in Deutschland ist und zunehmend auch wissenschaftlich orientiert ist. Außerdem hat es eine große Rolle gespielt, dass die PJ-Koordinatoren wirklich super engagiert sind: Das Tertial ist absolut top organisiert (sogar mit eigenem Dienst-Laptop; meistens hatte ich auch einen eigenen Schreibtisch), alle Ärzte sind super nett und wirklich motiviert, ihr Wissen weiterzugeben; es gibt durchgehend ein 1:1 Betreuung und man kann sehr individuell Schwerpunkte setzen. Hatte wirklich ein gutes (und vergleichsweise wahrscheinlich entspanntes) Tertial - würde ich wieder machen! Klare Empfehlung, wenn man sich für Public Health / Öffentliches Gesundheitswesen / Prävention interessiert oder einfach das deutsche Gesundheitssystem besser kennen lernen will - ich kannte die meisten Aufgaben des Gesundheitsamtes im Vorhinein nicht.
Ansonsten: Fahrrad mitnehmen lohnt sich! Man ist ab und zu in verschiedenen Außenstellen des GSR eingesetzt und mit dem Fahrrad kommt man deutlich schneller von A nach B als mit den Öffis. Leider gibt es keine Mensa, aber meistens eine "Küche" mit Mikrowelle, wo man sich was warm machen kann. Man ist der oder die einzige PJler(in), idealerweise hat man also schon vorher Sozialkontakte in München oder sucht sie sich aktiv woanders :D
Bewerbung
Bewerbung regulär über das PJ-Portal
Fragen vorab kann man unter [email protected] loswerden; PJ-Koordinatorinnen sind Frau Professor Gleich und Frau Dr. Dierig