PJ-Tertial Innere in CHU St. Pierre (11/2024 bis 3/2025)

Station(en)
1) Penumologie/Neurologie 2) Hämato-Onko 3) Gastroenterologie
Einsatzbereiche
Diagnostik, Station, Poliklinik / Ambulanz / Sprechstunde
Heimatuni
TU Muenchen
Kommentar
PJ-Alltag:

Mein PJ- Alltag war am CHU vielfältig und lehrreich, vor allem der freundliche und hilfsbereite Umgang des Personals untereinander ist mir sehr positiv in Erinnerung geblieben.
Am ersten Tag fragte mich Mme Wouters nach meinen Rotationswünschen. Es gab nicht mehr in allen Fachrichtungen Plätze (dies könnte man ggf. schon früher ausmachen, wenn man spezifische Wünsche hat), sodass ich letztendlich 5 Wochen in der Pneumologie/Neurologie (gemischte internistische Station 409), 5 Wochen in der Hämato-Onokologie (407) und 5 Wochen in der Gastroenterologie (408) verbracht habe. Die Weihnachtswoche war für alle Studierenden frei.
Insgesamt war ich mit meinen etwas zufälligen Wahl sehr zufrieden. Unbeabsichtigt hat sich in allen drei Fachrichtungen ein onkologischer Schwerpunkt ergeben, mit dem ich bisher wenig in Kontakt gekommen war und der mir sehr gut gefallen hat. Die Onkologie ist in Belgien ein eigener Facharzt, sodass man die Onkolog*innen in den unterschiedlichen, fachspezifischen Tumorkonferenzen immer wieder getroffen und sich der Kontakt über die fünf Wochen der jeweiligen Rotationsdauer hinaus erhalten hat.
Auch ist die Geriatrie eine eigene internistische Fachrichtung, sodass ich auf den drei Stationen kaum je multimorbiden Patienten über 70 Jahren begegnet bin. Durchaus eine angenehme Überraschung im Vergleich zu Deutschland!
Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass es sich es sich beim CHU St. Pierre um eine öffentliches Krankenhaus der Maximalversorgung mitten im Stadtzentrum von Brüssel handelt. Der Standort im Viertel Marolles, mit überdurchschnittlich vielen Sozialwohnungen, die Nähe zum Hauptbahnhof Gare du Midi und die Zusammenarbeit mit der einzigen belgischen Flüchtlingserstaufnahmeeinrichtung Fedasil erklärt das oftmals schwierige Patientenklientel. Sozialprekarität und große Sprachbarrieren sind an der Tagesordnung (egal wie gut man selbst Französisch spricht, Google Übersetzer als App war mein bester Freund :D). Gleichzeitig erhält man tiefe Einblicke in das belgische Gesundheitssystem, den Sozialstaat und das belgische Migrationsrecht, alle drei eher liberal und sozialorientiert, was mir gut gefallen hat. Jedoch ist die Interaktion mit den Patienten aufgrund von kulturellen Unterschieden, Obdachlosigkeit mit Drogenproblemen, fehlenden Aufenthaltstiteln oder finanzieller Mittellosigkeit häufig erschwert und man ist des öfteren mit tragischen Schicksalen konfrontiert. Außerdem kommt man überdurchschnittlich viel in Kontakt mit in Westeuropa seltenen Krankheiten wie beispielsweise HIV, Tuberkulose oder Sichelzellanemie. Ich schreibe dies hier in aller Klarheit, da ich mir dessen vorher nicht bewusst war und ich dies von einer Uniklinik in der Hauptstadt nicht unbedingt erwartet hätte.
Abgesehen davon handelt es sich beim CHU jedoch um ein weitestgehend gut ausgestattetes Universitätskrankenhaus, was Medizin auf hohen Standard praktiziert und nahezu jede Fachrichtung abdeckt. Nur für strahlentherapeutische oder nuklearmedizinische Behandlungen (und vielleicht weitere wenige Spezialfälle) wurde auf die Uniklinik Erasme (ebenfalls der ULB zugehörig) verwiesen.

Auf der 409, einer gemischten internistischen Station, war das Patientenklientel besonders breit gefächert. Von komplexen pneumologischen Fällen, Krebserkrankungen, Schlaganfallpatienten bis zu seltenen internistischen Erkrankungen oder dem Drogenentzug war alles dabei. Dementsprechend gab es auch immer viel zu tun und die Arbeitszeiten waren dort am längsten.
Die 407 war eine onkologische Station, wo Patienten mit organspezifischen und hämatologischen Krebserkrankungen behandelt wurden. Ingesamt wurde fachbedingt sehr interdisziplinär mit der Palliativmedizin, Physiotherapie, Ernährungsberatung, sowie Logopädie, mit den Psycholog*innen, den koordinierenden onkologischen Krankenpfleger*innen (eine Mischung aus medizinischer, erster Ansprechperson für die Patienten, jederzeit auch von zu Hause aus erreichbar, und Bindeglied zwischen Ärzten und Patienten im Klinikalltag, sehr gute Sache, die es so leider in Deutschland nicht gibt) und der Chirurgie zusammengearbeitet. An jedem Wochentag fand eine andere fachspezifische Tumorkonferenz statt und die onkologischen Krankheitsbilder auf Station waren vielfältig.
Auf der 408, der gastroenterologischen Station, habe ich am wenigsten Zeit verbracht, da den jüngeren Studierenden bei der Stationsarbeit der Vortritt gelassen wurde (auch mal eine nette Abwechslung für mich). So habe ich viel in der Endoskopie zugeschaut (viel zum Assistieren gibt es dort ja leider nicht) und innerhalb der kurzen Zeit einige wirklich spannende und seltene Eingriffe sehen dürfen (u.a. endoskopische Nekrosektomien, Submukosadissektionen, Jejunoskopien und beinahe täglich ERCPs).
Auch konnte man in jeder Fachrichtung mit in die Ambulanz und einem Oberarzt/einer Oberärztin bei den Patientengesprächen-und untersuchungen helfen.
Arbeitszeiten war für die Studierenden von 8:30 (Beginn der Morgenbesprechung) bis ca. 14-16 Uhr. Ab und zu musste man auch mal länger bleiben, insgesamt aber alles sehr flexibel. Wenn man aus irgendwelchen Gründen früher gehen musste oder mal einen Tag gar nicht kommen konnte, war das kein Problem, solang man vorher Bescheid gesagt hat.
Mittagspause konnten wir eigentlich immer ca. 30 min lang machen. Es gab einen Krankenhauskiosk, der Brötchen und Kleinkram verkauft hat sowie eine teure Mensa, in der ich nie war. Essensmarken haben die Studierenden nur für Nachtdienste bekommen, die sie ca. einmal im Monat leisten mussten (gegen eine kleine Bezahlung, aber trotzdem Pflicht). Gerne wollte ich einmal einen solchen Nachtdienst in der Notaufnahme mitmachen, dies wurde mir jedoch als ausländische Studentin aus nicht nachvollziehbaren Gründen verweigert.
Jeden Dienstag fand mittags ein 90-minütiges Seminar zu unterschiedlichen Themen der Inneren Medizin statt, theoretisch mit Präsenzpflicht für alle Assistenzärzte und Studierenden.
Leider bekommen weder die Medizinstudierenden noch die Assistenzärzte Kleiderspinde zur Verfügung gestellt. Ich habe mich daher morgens im Umkleideraum neben dem Kleiderautomaten umgezogen und meine Sachen im Stationszimmer gelassen. Dieses war auf allen Stationen per PIN gesichert, somit waren die Wertsachen nicht in Gefahr (die man ansonsten jedoch keinesfalls rumliegen lassen sollte, wurde mir am ersten Tag eingebläut).
Insgesamt werden die belgischen Medizinstudierenden schon früh in den Klinikalltag mit eingebunden, bereits im 5. Studienjahr steht ein dreimonatiges Praktikum an, bei dem sie die Stationsarbeit erlernen sollen. Im 6. und letzten Studienjahr trifft man auf Studierende, die in ihren Wunschfächern Praktika absolvieren, jedoch auch mit Prüfungen und der wissenschaftlichen Abschlussarbeit (vergleichbar mit unserer Doktorarbeit) anderweitig gut eingespannt sind.
Auf Station gehören Ananmnese, körperliche Untersuchungen (sowohl bei Aufnahme als auch täglicher Check-up) und die medizinische Dokumentation zu den typischen, studentischen Aufgaben. In der ersten Woche musste ich mich in das IT-System einfinden (auf Papier wird kaum mehr gearbeitet, alle Patientendaten kann man über xCare einsehen, es gibt auch eine elektronische Patientenakte, welche die Arbeit sehr erleichtert) und die Dokumentationsweise sowie das nötige medizinische Fachvokabular erlernen. Zwar hatte ich bereits eine Famulatur in Frankreich in der Anästhesie absolviert, jedoch hat man in der Inneren Medizin viel mehr Patientenkontakt und selbst dokumentieren und Arztbriefe schreiben musste ich bisher selbst in Deutschland kaum… Ich bin relativ schnell gut zurecht gekommen und konnte mich auch jederzeit an die meist sehr hilfsbereiten belgischen Studierenden wenden, von denen auf jeder Station mindestens zwei mit mir da waren. An praktischen Tätigkeiten übernimmt man arterielle Blutentnahmen (die venösen Blutentnahmen sowie das Zugänge legen übernimmt in Belgien die Pflege), hin und wieder darf man auch mal eine Lumbal-oder Aszitespunktion durchführen. Ultraschalluntersuchungen fallen leider in das radiologische Fachgebiet und werden somit auf Station nicht durchgeführt. Man kann jedoch fast immer auf Nachfrage (und wenn nicht gerade zu viele Neuaufnahmen anstanden) „seine“ Patienten zu den Untersuchungen (z.B. Bronchoskopie, gastroenterologische Endoskopie, Ultraschall, Biopsien, Herzkatheter etc.) begleiten.
Insgesamt arbeitet man eng und (je nach deren Ausbildungsstand auf Augenhöhe) mit den Assistenzärzten zusammen. Diese sind teilweise sehr jung, da das belgische Abitur mit 18 Jahren geschrieben und das Medizinstudium in sechs Jahren direkt im Anschluss durchgezogen wird. Die Assistenzärzte, auch PGs (Post Graduate) genannt, rotieren alle drei Monate durch die diversen internistischen Fachrichtungen und werden in ihren ersten drei Jahren noch nicht fachspezifisch ausgebildet. Sie bewerben sich nur auf eine entweder internistisch oder chirurgische Ausbildung und am Ende der ersten drei Ausbildungsjahre können sie ihre endgültige Fachrichtung wählen. Sie arbeiten daher zumindest in den ersten Jahren etwas weniger selbstständig als in Deutschland und leisten ihre Nachtdienste nicht auf Station sondern als „Allgemeinärzte“ in der Notaufnahme. Die PGs werden geduzt und es hat sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis eingestellt. Aus der Zusammenarbeit mit den Oberärzten bin ich bis zuletzt nicht ganz schlau geworden, da es auf jeder Station etwas anders lief. Es gibt kein richtiges Pendant zur deutschen Visite, vielmehr verbringen die Oberärzte viel Zeit in der Ambulanz und schneien im Laufe des Vormittags mal ins Arztzimmer und besprechen dann ihre jeweiligen Patienten mit den zuständigem Assistenzarzt. Dies kann jedoch auch erst spät nachmittags geschehen, sodass die Patienten oft ineffizient mehrmals am Tag visitiert werden (erst von Studierenden, dann von den PGs und später vielleicht nochmal gemeinsam mit einem Oberarzt). Dies zieht auch die Arbeitszeiten sehr in die Länge, da die sogenannte Note du Jour (tägliche Dokumentation über neue Befunde, Therapieänderungen, anstehende Untersuchungen etc. eines jeden Patienten, die Studierenden schreiben sie für die Patienten, die ihnen zugeteilt wurden und die PGs korrigieren sie am Ende des Tages) erst nach dem finalen Wort des Oberarztes/der Oberärztin verschriftlicht werden kann.
Insgesamt arbeiten die Studierenden, je nach Ausbildungsstand natürlich, sehr eigenständig, man bekommt täglich zwischen zwei und vier Patienten (abhängig ob Neuaufnahme oder bereits bekannter Patient, den man dann über die gesamte Liegedauer betreut) zugeteilt, für die man dann „verantwortlich“ ist. Das bedeutet eine tägliche kurze Anamnese/Bestandsaufnahme und körperliche Untersuchung, das Auswerten von Laborbefunden oder weiteren Untersuchungen, die Dokumentation all dessen inklusive den Überlegungen, was wir mit dem Patienten als nächstes anstellen würden. Teilweise wenden sich die Oberärzte, sobald sie einen etwas kennen und man einen Patienten mehr als zwei Tage betreut, direkt an die Studierenden, wenn sie Fragen zu den Patienten haben und man sollte im Idealfall stets in der Lage sein, darauf zu antworten oder den Patientenfall vorzustellen.
All dies geschieht jedoch in einer angenehmen, freundlichen und weitestgehend druckfreien Atmosphäre. Motivation, Fragen stellen und kritisches Mitdenken sind immer gern gesehen, ich hatte aber nie den Eindruck, dass Nachfragen oder Erklärungsbedarf stören. Dies habe ich sehr wertgeschätzt und ich empfinde auch die flacheren Hierarchien im belgischen Gesundheitssystem als vorteilhaft für die Lehre und kollegiale Zusammenarbeit.

Unterkunft:

Die Wohnungssuche kann sich in Brüssel als durchaus schwierig gestalten. Vor allem bezahlbarer, möblierter Wohnraum auf Zeit ist knapp und Erasmus-Studierende und Blue Book Trainees (Praktikanten bei Europäischen Kommission) konkurrieren miteinander. Daher würde ich von allen Vierteln rund um das Europäische abraten, da diese besonders teuer sind. Darunter fällt auch die relativ große Commune d’Ixelles, die immer zusammen mit St. Gilles in einem Atemzug bei der Wohnungssuche von ausländischen Personen genannt wird. Andere Viertel wie Forest oder Sablon sind jedoch ebenso nett und kommen im Bezug auf den Standort des CHU auch in Frage.
WGs sind in Brüssel häufig und üblich, oftmals mit 4-8 Mitbewohner*innen auf mehrere Etagen verteilt in einem der typischen Brüsseler Stadthäuser. Dabei handelt es sich jedoch ebenso oft um unsanierte Altbauten, die zwar hübsch anzusehen sind, häufig aber teure Heizkosten und Schimmelprobleme gleich mitliefern. Möblierte WG-Zimmer habe ich im Sommer – Herbst 2024 für 500-800 € gesehen.
Ich habe im Endeffekt gemeinsam mit meinem Freund, der zeitgleich bei der EU-Komission ein Praktikum gemacht hat, eine möblierte, 50m2-große Zweizimmerwohnung in St. Gilles gemietet. Den Mietvertrag haben wir bereits im Juli 2024 unterschrieben, als ich nur aus Neugier mal in ein paar Facebook-Gruppen geschaut habe und das Angebot zufällig aufgetaucht ist. Da die Lage war für mich exzellent war, haben wir dann direkt zugeschlagen. Preislich war es mit 1100€ inklusive aller Nebenkosten ebenfalls fair. Die 15 min Laufweite zum Krankenhaus und das nette Viertel im Herzen der Commune von St. Gilles direkt neben dem Rathaus mit vielen kleinen Cafés und Bars haben mich im langen, grauen Winter in Brüssel wirklich gerettet.

Alltagsleben & Freizeitgestaltung:

Fairerweise muss man anmerken, dass der Herbst und Winter in Brüssel lang, grau, regnerisch und kalt sind und die Stadt ansonsten, insbesondere zu einer anderen Jahreszeit, eine tolle Lebensqualität und viel kulturelle Abwechslung bietet. Dies ist natürlich v.a. draußen von November bis März etwas eingeschränkt (vor allem was das nette Draußensitzen auf den vielen Café-und Barterrassen angeht), aber ich konnte mich nicht über ein fehlendes Freizeitleben in der belgischen Hauptstadt beklagen.
Ich hatte zwei Bekanntschaften in Brüssel, die über die Zeit zu guten Freundinnen geworden sind. Durch sie konnte ich die Stadt besser kennenlernen, nachdem ich nur im Sommer 2022 mal für zwei Tage dort gewesen war. Außerdem kamen viele Freunde aus München und diverse Familienmitglieder auf Besuch.
Dem studentischen Orchester der ULB bin ich gleich zu Tertialbeginn beigetreten und konnte dort die gesamten vier Monate mitproben und das Weihnachtskonzert spielen. Von den Orchestermitgliedern wurde ich wirklich bemerkenswert warm willkommen geheißen und die Montagabende dadurch schnell mein liebster Tag der Woche, der nach der Probe mit einem gemütlichen und lustigen Beisammensein in einer Bar ausklang.
Des Weiteren bin ich öfters Bouldern und Klettern gegangen, besonders zu empfehlen sind die Kletterhalle Maniak Padoue (eine ehemalige, nun umfunktionierte Kirche, sehr sehenswert) und die Boulderhalle Le Camp de Base.
Brüssel ist leider zum Essen gehen relativ teuer, selber kochen lohnt sich also. Vor allem in Ixelles gibt es Restaurants und Cafés in Hülle und Fülle, von denen ich nur einen Bruchteil ausprobiert habe. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir dort die Bar Le Pantin und die Pizzeria Nona, sowie natürlich das unter Studierenden weitbekannte Café/Bar Belga, nicht schön, aber billig. Gute belgische Pommes gibt es auf den Plätzen Flagey in Ixelles, Place Jourdan im EU-Viertel und im Stadtzentrum bei Fritland. Bei der kleinen Portion kriegt man meistens mehr für sein Geld und die Auswahl an Soßen ist legendär ;-)

Ansonsten hat Brüssel eigentlich jeden Abend kulturell bei Konzerten, Kino, Theater, Podiumsdiskussionen, Poetry Slam etc. sehr viel zu bieten. Ich war einmal in der großen Eventhalle Forest National auf einem Konzert von Maître Gims, bei einem Jazzkonzert in Flagey und bei einem Weihnachtsoratorium im großen Konzertsaal des Kulturzentrums BOZAR. In der Galerie Royale im Stadtzentrum gibt es das Cinema Galeries, ein unabhängiges Kino, was viele europäische und internationale Produktionen in Originalsprache zeigt.
Das EU-Viertel mit den europäischen Institutionen (Plenarsaal, Parlamentarium, Haus der europäischen Geschichte) ist natürlich kein Geheimtipp, aber meiner Meinung nach sogar mehrmalige Besuche wert, da kostenlos und sehr, sehr viel Information. Der gesamten EU-Thematik aus satirischem Blickwinkel nimmt sich alle paar Monate auch die „Schumann Show“ an – ein Besuch ist sehr zu empfehlen, die Tickets jedoch schnell vergriffen!
Das touristische Stadtzentrum hat man irgendwann (v.a. wenn viel Besuch vorbeikommt) auch mehrmals abgeklappert, kleine Tipps sind vielleicht der kostenlose Ausblick vom Gebäude Rooftop 58 und die Dachterrasse der Bourse, auf die man ab 16:30 gratis hochdarf. Die wunderschöne Galerie Bortiers, ein Foodcourt im Jugendstil, ist ebenfalls einen Besuch wert.
Das Atomium ist meiner Meinung etwas überbewertet, eher teuer und liegt alles andere als zentral. Kann man einmal gesehen haben, wenn man vier Monate in Brüssel lebt, muss man aber nicht.
Wer an Vintage-und Second-hand-Shopping Freude hat, dem sei die Rue Haute (direkt beim CHU St. Pierre) mit zahlreichen Kleidungsgeschäften, Plattenläden und alternativeren Kunstgalerien empfohlen.

Ich bin jeden Tag zum Krankenhaus gelaufen und habe auch alle Besorgungen im Viertel zu Fuß erledigt. Im Umkreis von 10 min zu Fuß zur Wohnung gab es wirklich alles: Cafés und Bars wie erwähnt (besonders zu empfehlen in St. Gilles: Café La Pompe, Café Mayabro und die Weinbar Le Gamin), unterschiedlichste Restaurants, Imbisse, Supermärkte, Haushaltswaren, Technologiebedarf, eine Post und fünf verschiedene Haltestellen (Bus, U-Bahn und Straßenbahn) des öffentlichen Nahverkehrs (den ich paar mal die Woche in Anspruch genommen habe). St. Gilles ist ein belebtes, multikulturelles Viertel mit hübschen Jugendstilfassaden und viel Altbau, jedoch noch nicht so stark gentrifiziert wie Ixelles. Gewisse Gegenden in Brüssel muss man, insbesondere als Frau, leider nachts meiden, dazu gehören u.a. der Hauptbahnhof Gare du Midi, der Gare du Nord und die Gegend um das CHU St. Pierre bei Porte de Hal.

Was den Rest Belgiens angeht, habe ich die obligatorischen Tagesausflüge nach Brügge (nettes, verschlafenes Nest, in der Weihnachtszeit wegen touristischem Überlauf eher zu meiden) und Gent (sehenswerte Universitätsstadt mit einzigartiger Sauna namens Aqua Azul im Jugendstil) unternommen. Ans Meer habe ich es leider nicht mehr geschafft. Ein Wochenende habe ich bei Namur in der Hügellandschaft der Ardennes verbracht, leider war es jedoch so neblig, dass man kaum etwas gesehen hat.

Kosten & Finanzierung:

Die monatliche Miete betrug wie oben bereits beschrieben 550€ pro Person. Dazu kamen natürlich die Lebenserhaltungskosten, der Wocheneinkauf ist ungefähr 5-10% teurer als in Deutschland. Aldi und Lidl gibt es auch in Belgien, ansonsten ist der Comarket noch ein Supermarkt mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Meine Wohnung in München habe ich für zwei Tertiale untervermietet und konnte damit meine zwei Auslandstertiale mitfinanzieren.
Darüber hinaus habe ich das Erasmus-Stipendium bekommen, welches für Praktika in Belgien bei 690€ pro Monat liegt. Das Reisegeld (einmalig 50€) habe ich trotz Anreise mit nachhaltigem Verkehrsmittel nicht erhalten, da die Reisedauer wohl zu kurz war.
Dem Krankenhaus musste ich nichts zahlen, nur die Kaution von 50€ für Kleidung und Badge hinterlegen.

Kompetenz & Lernerfolg:

Da dies mein erstes PJ-Tertial war, war die Lernkurve steiler als wahrscheinlich später der Fall sein wird. Ich habe über die vier Monate definitiv eine gute Routine im Patientenumgang bekommen. Anamnesen und körperliche Untersuchungen, inklusive der vollständigen neurologischen Untersuchung, konnte ich täglich durchführen und dabei an Kompetenz und Sicherheit auch im Bezug auf die Sprache gewinnen. Besonders gefördert wurde in allen drei Abteilungen das eigenständige Denken und das selbstständige Patientenmanagement, sodass ich mich nun in der Lage fühlen würde, eine Assistenzarztstelle in der Inneren Medizin in Belgien anzutreten. Mit Deutschland kann ich die Situation ehrlicherweise nicht ausreichend vergleichen, da ich alle Klinikfamulaturen im Ausland geleistet habe. Praktische Handgriffe gab es nicht allzu viele, nach den vier Monaten kann ich arterielle Blutentnahmen routiniert durchführen. Lumbal-und Aszitespunktionen habe ich nur ein paar mal gemacht und würde mich wohler dabei fühlen, wenn mir dabei noch jemand über die Schulter schaut.
Auf sprachlicher Ebene bin ich mit einem soliden C1-Französisch in Wort und Schrift nach Brüssel gegangen, allerdings ohne medizinisches Fachvokabular. Dies hat mir anfangs gefehlt, nach ca. 6 Wochen (und einer immer länger werdenden Liste mit Abkürzungen und ihrer Bedeutung :D) habe ich mich sicher im IT-System und in der medizinischen Dokumentation zurecht gefunden. Perfekte Französischkenntnisse im Vorhinein sind nicht unbedingt nötig, denn das PJ-Tertial soll ja auch die Möglichkeit zur Verbesserung der Sprachkenntnisse geben, jedoch nimmt man natürlich von Anfang an mehr mit, wenn man zumindest mit dem Alltagsfranzösisch kein Problem hat. Beim Schreiben der Arztbriefe und der Notes du Jour konnte mir oft ChatGPT helfen, wenn ich die Begrifflichkeiten der Befunde nur auf Deutsch wusste.

Interkulturelle Erfahrungen:

Wenn ich vorher Belgien als Land und die belgische Nationalidentität nicht so recht beschreiben konnte, habe ich nach diesen vier Monaten zumindest das Gefühl, Brüssel als Schmelztiegel der Kulturen und der europäischen Zusammenarbeit besser zu verstehen. Nach wie vor erstaunen mich die verschiedenen gesellschaftlichen Blasen, die in Brüssel koexistieren, ohne je wirklich miteinander in Kontakt zu kommen. Das gilt für die verschiedenen migrantischen Communities (arabisch, zentralafrikanisch, marrokanisch, portugiesisch, latino etc.), wie auch für die akademische Oberschicht, die linke Studierendenbubble und die Beamten/Funktionäre an den europäischen Institutionen. All diese Menschen arbeiten und leben in der belgischen Hauptstadt und trotzdem sind ihre Lebensrealitäten grundverschieden. Belgien ist selbstverständlich ein Einwanderungsland, trotzdem hat Brüssel als europäische Hauptstadt nochmal einen Sonderstatus inne.
Auch was die regionalen und sprachlichen Besonderheiten Belgiens angeht, haben sich bei mir ein paar Fragen geklärt. Brüssel ist die (mehrheitlich französischsprachige) Hauptstadt, die jedoch in der flämischen Region liegt. Die eigentliche flämische Hauptstadt ist Gent. Südlich und westlich von Brüssel spricht man Französisch, in der Region zur deutschen Grenze spricht eine kleine Minderheit sogar Deutsch. Das Flämische wird wie Niederländisch geschrieben, jedoch anders ausgesprochen, Flamen und Niederländer können sich aber mündlich verstehen.
Mir ist die große Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute sehr positiv in Erinnerung geblieben. Arroganz oder den typisch-französischen Blick von oben herab bei sprachlichen Fehlern oder dem deutschen Akzent bleiben einem in Belgien i.d.R. erspart.
Das schlechte Wetter wird wahlweise mit Galgenhumor oder grundlegender Verzweiflung thematisiert und Vitamin D durch alle Gesellschaftsschichten hindurch substituiert.

Europäische Perspektive:

Brüssel hat mich nicht nur wegen der sprachlichen Zugänglichkeit und als belgische Hauptstadt angesprochen, sondern auch aufgrund ihres Schauplatzes der europäischen Politik, an der ich seit Schulzeiten großes Interesse habe. Spätestens seit der Europawahl 2024, die einen kollektiven Rechtsruck der europäischen Gesellschaften besiegelt hat, sind die Werte der internationalen Zusammenarbeit, Solidarität und des Demokratieerhalts wichtiger denn je. Der mehrmalige Besuch verschiedener EU-Institutionen und Museen im Europaviertel haben mir nicht nur inhaltliche Informationen zur Gründung und zum Werdegang der EU vermittelt, sondern durch Begegnungen mit und den schieren Massen an Besuchern aus allen 27 Mitgliedsstaaten ein optimistisches Gefühl der Hoffnung gegeben.
Fazit
Abschließend kann ich Euch ein PJ-Tertial in der Inneren Medizin am CHU St. Pierre in Brüssel wirklich nur empfehlen. Die Qualität der Lehre ist mindestens vergleichbar mit der einer guten (!) deutschen Uniklinik, der Umgangston miteinander häufig sehr viel besser und Brüssel als Stadt eine wirklich lohnenswerte Erfahrung. Französischkenntnisse sind natürlich notwendig, aber Fehler werden sehr viel toleranter als anderswo verziehen, denn in der belgischen Hauptstadt sind ein Großteil der Einwohner*innen selber nur zu Gast!
Bewerbung

Ich habe mich ca. ein Jahr im Voraus ganz unkompliziert im Sekretariat für Innere Medizin des CHU St. Pierre gemeldet, den Kontakt habe ich tatsächlich auf PJ-Ranking gefunden. Es war immer noch die gleiche, sehr reaktionsfreudige Sekretärin ([email protected]), die sowohl vorher als auch vor Ort meine Ansprechperson für alles Administrative war. Sie organisierte mir auch eine Oberärztin als Tutorin, die mein Learning Agreement für die Erasmus-Bewerbung unterschrieb. Nur den Universitätsstempel auf der PJ-Bescheinigung am Ende konnte sie mir als Mitarbeiterin des Krankenhauses nicht ausstellen, hat mich jedoch an die zuständige Sekretärin im Praktikumsbüro der medizinischen Fakultät der Université Libre de Bruxelles (ULB) weitergeleitet.
Kurz vor PJ-Beginn kam von ihr ohne Nachfrage meinerseits eine Mail mit detaillierten Anweisungen für den ersten Tag. Insgesamt sind sie am CHU St. Pierre ausländische Medizinstudierende in jedem Fall gewöhnt und auf so eine liebenswürdige und effiziente Sekretärin trifft man selten!
Die Erasmus-Bewerbung war ebenfalls kurz und schmerzlos erledigt. Das Learning Agreement unterschrieb mir auf deutscher Seite Jaqueline Emmerich als Referentin für Internationales an der TUM School of Medicine und die Bewerbungsunterlagen musste man wie immer im MoveOn-Portal hochladen. Diese bestanden aus Lebenslauf, Motivationsschreiben, Learning Agreement, Immatrikulationsbescheinigung und Leistungsnachweis. Die positive Rückmeldung, dass meine Erasmus-Bewerbung erfolgreich war, bekam ich wenige Tage später von Paola Passadore aus dem TUM Global Office.
Ansonsten hielt sich die Vorbereitung in Grenzen. Natürlich muss man die Wohnungssuche rechtzeitig angehen, da Brüssel insbesondere für kürzere Zeiträume bei jungen Menschen aus ganz Europa äußerst beliebt ist, dazu aber später mehr.
Eine berufliche Haftpflichtversicherung hatte ich bereits durch den Marburger Bund abgeschlossen. Eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung ist ggf. nötig, bei mir hat die private Krankenversicherung mehrmonatige Auslandsaufenthalte in Europa mit abgedeckt.
Zugtickets habe ich ca. 2 Monate vorher über die DB gebucht. ICE-Tickets sind mit ein bisschen Vorlauf auf der 7-stündigen Strecke München – Frankfurt/Köln – Brüssel erstaunlich günstig, man zahlt pro Fahrt i.d.R. nur 30-40€.
Krankenhauskleidung, die IT-Zugangsdaten und einen Badge (fungiert gleichzeitig als Türöffner und Namensschild) bekommt man ganz unkompliziert am ersten Tag. Es müssen dafür 50€ Kaution für 2 Sets (Kasak, Hose, Kittel – letzterer wird jedoch nur von den Ärzten getragen, nie von den Studenten) bezahlt werden. Einmal darf man seinen Badge verlieren und er wird einem kostenfrei ersetzt, bei weiteren Malen muss man zahlen.
Stethoskop, Reflexhammer und Sauerstoffsättigungsmesser sind selbst mitzubringen, davon gibt es im Krankenhaus überall zu wenige. Ansonsten wird alles gestellt.
Unterricht
1x / Woche
Inhalte
EKG
Fallbesprechung
Bildgebung
Patientenvorstellung
Tätigkeiten
EKGs
Poliklinik
Röntgenbesprechung
Patienten untersuchen
Untersuchungen anmelden
Punktionen
Patienten aufnehmen
Eigene Patienten betreuen
Briefe schreiben
Dienstbeginn
Nach 8:00 Uhr
Dienstende
15:00 bis 16:00 Uhr
Studientage
Frei verfügbar
Tätigkeiten
Kleidung gestellt
Mittagessen regelmässig möglich
Gehalt in EUR
Erasmusstipendium 690€/Monat
Gebühren in EUR
Keine Studiengebühren, nur 50€ Kaution für Kleidung und Badge

Noten

Team/Station
1
Kontakt zur Pflege
1
Ansehen des PJlers
1
Klinik insgesamt
2
Unterricht
2
Betreuung
1
Freizeit
1
Station / Einrichtung
1
Gesamtnote
1

Durchschnitt 1.27