OP, Poliklinik / Ambulanz / Sprechstunde, Notaufnahme, Station
Heimatuni
Bonn
Kommentar
Das Gesundheitssystem in Finnland ist genauso modern wie in Deutschland aber digitaler und mit besseren Arbeitszeiten und Arbeitsklima als in vielen Deutschen Häusern in der Chirurgie. Arbeitssprache ist allerdings Finnisch. Das Krankenhaus erwartet einen Nachweis von mindestens B1 Sprachkentnissen. Finnisch gilt als schwierig, aber mit einigen Jahren Vorlauf ist das schaffbar. Andernfalls vermutlich nicht. Die Arbeit war auch vollständig auf Finnisch. Die meisten Ärzte können Englisch und erklären bei Bedarf nochmal, wenn man etwas nicht auf Finnisch verstanden hat. Der Chef sieht es aber nicht gerne, wenn Englisch geredet wird. Mein Finnisch hat sich während des Praktikums auch deutlich verbessert, wenn man den ganzen Tag in dieser Sprache arbeitet. Finnischkentnisse sind aber auch schon zu Beginn Pflicht!
Der Tag beginnt jeweils mit Visite auf der Station um 07:30 Uhr. Danach gibt es eine Röntgenbesprechung. Der Ablauf des restlichen Tages hängt von der Abteilung ab. Dienstende ist in der Regel um 15:15 Uhr. Überstunden werden meist durch früheres Gehen an anderen Tagen ausgeglichen. Grunsätzlich rotieren die Studenten jeden Monat in eine andere chirurgische Abteilung. Ich war in der Orthopädie, Viszeralchirurgie (auf Finnisch Gastrochirurgie genannt), der plastischen Chirurgie und der Urologie. Urologie zählt in Finnland als chirurgisches Fach. Als weitere Abteilung gibt es in Lappeenranta noch die Gefäß- und Thoraxchirurgie. Wenn man fragt, kann man aber auch bei HNO-, Augen- oder gynäkolgischen OPs dabei sein. Die kleineren Abteilungen haben oft nur ein oder zwei Fachärzte, Gastrochirurgie und Orthopädie sind aber größer. Zudem ist nach Vereinbarung auch ein Einsatz in der Notaufnahme möglich. Auch Dienste am Nachmittag oder am Wochenende in der Notaufnahmne können vereinbart werden. Diese werden je nach Status als Student vergütet, führen aber nicht zu freien Tagen.
Nach der Röntgenbesprechung kann man sich mit den Assistenzärzten der aktuellen Abteilung absprechen, wie die Arbeit des Tages verteilt wird. Fitte Studenten übernehmen schon die Betreuung von Patienten mit. Man stellt Konsile, schreibt Berichte, prüft die Laborbefunde, etc. Die Aufgaben sind abhängig davon, welchen rechtlichen Status man hat. Als PJler kann man im Vorhinein bei den finnishen Behörden (Valvira) eine Lizenz als Student im letzten Jahr beantragen. Damit darf man auch Rezepte und Krankschreibungen ausstellen. Man wird aber bei Bedarf von den Assistenzärzten immer an die Hand genommen. Die anfallenden Arztbriefe zur Entlassung werden unter allen Assistenzärzten und Studenten aufgeteilt. Jeder muss seinen fairen Teil der Arztrbriefe schreiben, bei Bedarf lesen die Assiszentärzte aber nochmal Korrektur. Außerdem gibt es eine gemeinsame Liste der Assistenzärzte zur Abarbeitung von unter anderem Pathologie-Befunden, bei denen dann über das weitere Vorgehen entschieden werden muss. Hier kann und soll man sich je nach Ausbildungsstand auch beteiligen. Abgesehen von Stationsarbeit kann man mit in den OP gehen und auch selbst assistieren. Nicht bei jeder OP, aber so oft, dass jeder Student und Assistenzarzt an die Reihe kommt. Nach Absprache ist auch Teilnahme an der Poliklinik (Facharztversorgung ambulanter Patienten im Krankenhaus) der jeweiligen Abteilung möglich. Grundsätzlich kann man je nach Interesse viel machen, die Ärzte sind alle super nett und helfen bei Fragen. Allerdings ist jeder für seine Ausbildung selbst verantwortlich. Man muss sich selbsständig die OPs aussuchen, die einen Interessieren und dort mitgehen, aktiv nach der Poliklink fragen oder mit den Assistenzärzten besprechen, welche Aufgaben man bei der Versorgung der Patienten übernehmen möchte. Bei Bedarf stehen einem die Ärzte alle zur Seite und können beraten, was man tun kann. Man muss aber selbst fragen.
Insgesamt kann man sehr viel lernen, besonders auch durch die Rotation durch die verschiedenen Abteilungen!
Lappeenranta ist eine finnische Kleinstadt und das Krankenhaus versorgt die Region Süd-Karelien mit etwas mehr als 100.000 Einwohner. Fast die gesamte chirurgische Versorgung der Bewohner findet in Lappeenranta statt. Nur etwa neurochirurgische Patienten werden oft nach Helsinki verlegt. Besonders groß ist das Krankenhaus entsprechend der betreuten Einwohner nicht. Daher kennt man schnell alle Leute, das Pflegepersonal der beiden chirurgischen Stationen, der Poliklinik und der OP-Pflege eingeschlossen. Grundsätzlich war die Arbeitsatmosphäre wirklich gut. Man kann mit den anderen Ärzten zu Mittag essen gehen und ist voll ins Team eingebunden.
Als Stadt ist Lappeenranta eine typische kleine Finnische Stadt. Es gibt alles, was man braucht und dank der Uni auch ein gewisses Studentenleben. Die Uni ist allerdings am anderen Ende der Stadt. Ich kann daher nur die Anschaffung eines gebrauchten Fahrrads empfehlen, um mobil zu sein. Helsinki ist nur zwei Stunden mit dem Zug entfernt, also am Wochenende sehr gut erreichbar, wenn man mehr erleben möchte. Lappeenranta liegt direkt am Saimaa-See. Im Winter kann man hier Langlaufen, über das Eis zur Insel am Hafen wandern und Grillen oder ähnliches. Im Sommer Wandern, Bootfahren, Radeln... Und natürlich gibt es viele Saunen. Die Freizeitgestaltung also wie üblich in mittelgroßen finnischen Städten.
Wohnen ist möglich im Personalwohnheim des Krankenhauses in WGs. Dort gibt es eigentlich immer freie Zimmer, die Zimmer sind möbliert, die Küchen ausgestattet, allerdings sind Bettwäsche und Handtücher selbst mitzubringen. Mehr Infos gibt es auch auf der Webseite, wo es mehr Infos zur Bewerbung gibt (s. unten). Die Miete ist ca. 200 € im Monat, also sehr günstig.
Bewerbung
Informationen zur Bewerbung finden sich auf der Webseite des Etelä-Karjalan hyvinvointialue, der wellbeing region of south carelia unter ekhva.fi. Ich habe mich dort an die für Studenten-Praktika angegebene E-Mail-Adresse gewandt und schnell und nett eine Antwort erhalten.
Die Chirurgie ist bei Finnischen Studenten recht beliebt für deren Chirurgie-Praktika im letzten Jahr. Entsprechend empfiehlt sich eine frühzeitige Bewerbung. Aber man kann es auch kurzfristig noch versuchen. Ich habe mich etwas mehr als ein Jahr im Voraus beworben.