PJ-Tertial Allgemeinchirurgie in Hospital Vicente Corral Moscoso (11/2023 bis 2/2024)

Station(en)
Plastische Chirurgie, Unfall + Trauma, Viszeralchirurgie, Neurochirurgie, Urologie
Einsatzbereiche
Notaufnahme, Station, OP
Heimatuni
Witten/Herdecke
Kommentar
Mein PJ Tertial in Ecuador habe ich insgesamt sehr genossen. Das lag allerdings nicht maßgeblich an der Klinikzeit.
Ich denke, es ist wichtig, sich einige Berichte über PJs und Arbeitsbedingungen in den Gesundheitssystemen in Südamerika durchzulesen, um nicht mit falschen Erwartungen in ein PJ-Tertial hier zu starten. Das habe ich gemacht und hatte das Gefühl, gut vorbereitet zu sein und Dinge gut einsortieren zu können. Damit war es für mich interessant ein neues Gesundheitssystem kennenzulernen, das ging aber nicht allen Internationals so. Trotzdem würde ich euch ermutigen, mit guter Vorarbeit, ein Tertial in Südamerika zu verbringen.

Was war nicht so gut?
- Die Arbeitszeiten in Ecuador (und vielen anderen Südamerikanischen Kliniken) sind der Wahnsinn. Die Internitos (PJler*innen) kommen um 5 Uhr Morgens und
gehen zwischen 18 und 21 Uhr Abends. Es gibt keine freien Tage, auch nicht das Wochenende oder Feiertage, krank oder schwanger existieren nicht. Man sollte sich auch auf patriarchale Strukturen und starke Hierarchien einstellen, in welchen der Ton nach unten nicht immer der netteste ist. Auch resultiert dies in wenig Anleitung und wenig Praxisbezug. Die Internitos sind zudem für alles verantwortlich. Labordienst, Hol- und Bringdienst, Versorgen ihrer eigenen Patient*innen, OP-Dienste, Apothekensachen holen....
Wir hatten als Internationals schon einen Sonderstatus und waren weniger davon betroffen. 40h/Woche waren möglich für uns, ich habe mein PJ in 75% Teilzeit absolviert und mir ein Schreiben meiner Uni über meine Wochenstunden und Urlaubstage ausstellen lassen. Damit waren auch freie Tage möglich, allerdings mit viel hin und her.
- Die Organisation. Die Erreichbarkeit der Verantwortlichen war im Vorhinein und auch vor Ort schlecht und oft nervig. Darauf solltet ihr euch aber in ganz Südamerika einstellen, Organisationsstrukturen sind hier langsamer. Ich habe begonnen mich 1 Jahr im Voraus zu bewerben, habe mindestens 10 verschiedenen Kliniken geschrieben, mehrmals, und habe nur von sehr wenigen zurückgehört. Ich war bereits vorher in Südamerika, um zu reisen und habe 6 Wochen vor PJ-Start die Bestätigung für Cuenca erhalten. Für zwei Freundinnen, mit denen ich das Tertial absolvieren wollte, hat es nicht funktioniert. Der Bürokratische Aufwand ist außerdem auch nicht gerade niedrig (aber machbar!)
- Mir fiel es schwer, trotz gutem Spanisch, die Organisationsstrukturen vor Ort zu verstehen und mich gut und effektiv einzubringen. Bringt Geduld mit, hier ist alles etwas langsamer, als wir es mit deutscher Effektivität gewohnt sind. Manchmal kann das auch richtig nerven, z.B. wenn es 3 Stunden und vier unterschiedliche Formulare braucht, bis ihr alle Materialien für eine Thoraxdrainage zusammen habt. Oder sich alle Internitos gutmütig für Stunden mit allen anderen bei der Krankenhausapotheke anstellen, um Medikamente für ihre Patient*innen zu besorgen. Oder ihr Labore händisch auf Papierzettel übertragen müsst und dann 3 Stunden mit 30 Leute auf Mittagsvisite geht, ihr in der letzten Reihe steht und kein Wort der Patient*nnenvorstellung versteht.
- Bei OPs ist zugucken das Maximum
- medizinisch-praktisch habe ich hier nicht immer das allermeiste gelernt, mir ging es aber auch eher darum, noch mal ein anderes Gesundheitssystem und seine
Organisationsstrukturen kennenzulernen. Der Theoretische Input im Unterricht aber war gut.

Was war gut?
- Wir hatten sehr regelmäßig 3x die Woche Unterricht in unserer Gruppe von Internationals mit einem uns zugewiesenen chirurg. Professor. Ich persönlich habe dort einiges gelernt, auch wenn der Unterrichtston nicht immer ohne Herabwürdigung war. Ja, die Hierarchien hier sind starr. Wir habens meistens mit Humor genommen, das hat mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Aber wir haben eine gute Ebene mit unserem Prof gefunden. Es war außerdem super interessant mit ihm zusammen das ecuadorianische und das deutsche Gesundheitssystem zu vergleichen und hier viel zu lernen.
- Mittagessen in der Cafeteria. Hierfür musste man zahlen, es gibt auch eine Mensa mit kostenlosem Essen für alle, das ebenfalls gut ist.
- die Neurochirurgie hat eine tolle Oberärztin und führt sehr gute Operationen durch. Das fand ich toll!
- Wir hatten Rotationen in verschiedene Fachrichtungen, die wir uns aussuchen durften. Hört euch unter den Internitos um, wo es nett ist. Ich fand es toll, weil so viel
abgedeckt war, was ich in Deutschland in der Allgemeinchirurgie nicht unbedingt gesehen hätte. Ich fand Neurochirurgie, Plastische Chirurgie und die ZNA
besonders spannend. ZNA-Rotation eher am Ende planen, wenn ihr etwas angekommen seid im Klinik-Chaos und im medizinischen Spanisch.
- Ihr bekommt eine tiefere Perspektive auf ein völlig anderes Gesundheitssystem, was manchmal schwer zu verstehen ist aber die Erfahrung und das Mehr-Wissen
ist bereichernd.
- die Internitos selbst. Unsere ecuadorianischen Mit-PJler*innen waren super nett, herzlich und sehr sehr hilfsbereit. Trotz des krassen Workloads. Leider blieb
natürlich nicht viel freie Zeit für die Internitos, um sich auch mal außerhalb der Klinik zu treffen.
- umso glücklicher war ich über meine internationalen Mit-PJlis, aus Spanien, Belgien und Deutschland. Wir waren eine Kerngruppe von 6 Leuten, haben zusammen gewohnt und uns eine gute Zeit gemacht. Das geht nämlich hervorragend in Cuenca
- Cuenca und Ecuador selber! Ich bin bereits 4 Monate lang vor PJ-Start durch Ecuador, Peru und Bolivien gereist und habe mich sehr in Ecuador verliebt. Das Land ist vergleichsweise klein, lässt sich super bereisen, hat alle Klimazonen und die besten Voraussetzungen für Outdoor-Erlebnisse. Galapagos-Inseln, Cotopaxi, Quilotoa-Loop, surfen an der Küste, Nebelwald oder Amazonas - your choice. Ich habe sehr liebe, gastfreundliche Menschen getroffen und das Essen ist bombastisch. Cuenca ist eine der schönsten und sichersten Städte Ecuadors mit tollen Cafés, Museen, kulturellem Angebot und reger Studi-Szene. Hier lässt sich sehr gut Zeit verbringen! Encebollado (ecuadorianisches Nationalgericht), den Markt und seine Saftstände vermisse ich immer noch. In einer Stunde Busfahrt seid ihr flink in der schönsten Natur des Parque Nacional Cajas mit seinen unglaublichen Landschaften.
- Und ja, ich habe mich zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt. Ecuador ist ein tolles Land!


Tipps:
- frühzeitig mit der Orga anfangen, e-Mails auch mehrmals verschicken, selbst hinterher sein
- grüne (Station) und blaue (OP) Kleidung mitbringen, dann müsst ihr eventuell vor Ort keine kaufen. Kleidung wird nicht von der Klinik gestellt (ist in vielen
Ländern so!)
- ich habe mein Chirurgie Tertial gesplittet, um in Deutschland noch einen Teil zu machen. Nicht weil die Versorgung in anderen Ländern per se schlechter ist, aber
sie ist anders und ihr lernt andere Dinge als in Deutschland. Ecuador z.B. orientiert sich stark an amerikanischen Leitlinien, benutzt andere Medikamente usw. Für
mich war das genau die richtige Mischung.
- Ihr müsst solides Spanisch sprechen, ohne geht es auf keinen Fall!!!
- informiert euch gut, habt realistische Erwartungen an euer Tertial im Ausland. Ja, es kann herausfordernd sein mit anderen Realitäten der Gesundheitsversorgung
konfrontiert zu sein. Aber auch sehr sehr lehrreich. Gute Infos zur Vorbereitung findet ihr z.B. hier https://gandhi.bvmd.de, besonders das 360° Magazin ist super!
- Ihr braucht eine gute Selbsteinschätzung, eine Kontrolle eures Könnens oder Supervision findet kaum statt. Nur weil ihr im Ausland seid und ihr theoretisch
Aufgaben übernehmen könntet, die ihr in Deutschland nicht durchführen dürftet (weil sie eurer Können übersteigen), heißt das nicht, dass ihr diese auch
übernehmen solltet. Unterschwellig rassistisches Handeln in Praktika in Low Resource Countries ist ein Ding. Fragt euch immer, ob ihr das, was ihr machen wollt,
auch in Deutschland machen würdet.
- Bei weiten Reisen immer gut: Krisenpräventionsliste des Auswärtigen Amtes https://www.auswaertiges-amt.de/de/-krisenvorsorgeliste-387662

Viel Spaß in eurem Tertial!!
Bewerbung
1 Jahr, viele viele Mails und Nachfragen. Bringt Beharrlichkeit und Geduld mit ;-)
Bewerbt euch an vielen Kliniken gleichzeitig, wenn es Südamerika sein soll. So habt ihr die besten Chancen. Lest gut zu den Arbeitsbedingungen, damit ihr nicht bei einer 80 Stunden Woche landet. Checkt die Kooperation mit den Universitäten, wir hatten eine Zusage einer Klinik, die zwar vom LPA gelistet war, aber keine Uni-Koop mehr hatte.
Unterricht
3 x / Woche
Inhalte
Prüfungsvorbereitung
Patientenvorstellung
Repetitorien
Fallbesprechung
Tätigkeiten
Chirurgische Wundversorgung
Patienten untersuchen
Botengänge (Nichtärztl.)
Notaufnahme
Dienstbeginn
Vor 7:00 Uhr
Dienstende
Vor 15:00 Uhr
Studientage
Gar nicht
Tätigkeiten
Mittagessen regelmässig möglich
Essen frei / billiger
Gehalt in EUR
Keins
Gebühren in EUR
offiziell $250, wurden am Ende nicht berechnet

Noten

Team/Station
2
Kontakt zur Pflege
4
Ansehen des PJlers
3
Klinik insgesamt
3
Unterricht
2
Betreuung
2
Freizeit
1
Station / Einrichtung
3
Gesamtnote
3

Durchschnitt 2.73