PJ-Tertial Kinderchirurgie in Kantonsspital Luzern (3/2025 bis 6/2025)

Station(en)
1 west/ 3 West
Einsatzbereiche
Station, OP
Heimatuni
Nicht angegeben
Kommentar
Nach vier Monaten im PJ-Tertial in der Kinderchirurgie des Luzerner Kantonsspitals kann ich leider nur von einem Einsatz abraten. Obwohl ich die gesamte chirurgische Zeit meines PJs dort verbracht habe, war der Lernzuwachs sehr gering – bei gleichzeitig hoher Anwesenheitspflicht. Besonders enttäuschend war die durchweg schlechte Stimmung im Team, ein Problem, das laut älteren PJ-Berichten bereits länger zu bestehen scheint.

Allgemeines zur Bewerbung und Unterkunft

Ich habe mich etwa zwei Jahre im Voraus beworben. Untergebracht war ich im Personalwohnheim, das mit 380 CHF monatlich preislich fair ist. Allerdings ist die Küchensituation sehr dürftig: Es gibt weder Töpfe, Pfannen, Ofen, Wasserkocher noch Kaffeemaschine. Lediglich ein Herd, eine Mikrowelle und ein kleines Fach zur Aufbewahrung der eigenen Sachen sind vorhanden. Die Küche wird offiziell regelmäßig gereinigt – in der Praxis jedoch nur, wenn alles sauber hinterlassen wird. Sobald eine Tasse stehen bleibt, verweigert das Reinigungspersonal die Arbeit. In einem Flur mit über zehn Leuten führte das teilweise zu völlig unhygienischen Zuständen. Das eigene Zimmer ist zweckmäßig, das eigene WC ist ein Pluspunkt, die Gemeinschaftsdusche ist in Ordnung. Highlight des Wohnheims: die Dachterrasse mit Blick auf den Pilatus – und natürlich die Möglichkeit, andere PJler kennenzulernen.

Einstieg in die Kinderchirurgie

Zum Start meines Tertials gab es keine Einführung – weder in die Stationen noch in das EDV-System (Epic), das ich aus deutschen Kliniken nicht kannte. Ich begann gemeinsam mit einer weiteren PJlerin, und wir mussten uns unsere Aufgaben nach und nach selbst erschließen. Unser Tagesbeginn war um 7:00 Uhr, Visite auf einer der beiden Stationen (1 West oder 3 West) um 7:30 Uhr. Um 8:00 Uhr folgt der sogenannte Morgenrapport, bei dem alle Röntgenbilder und das OP-Programm des Tages durchgegangen werden.

Theoretisch ein sinnvoller Termin – praktisch jedoch geprägt von extrem angespannter Atmosphäre. Die Besprechung war geprägt davon, dass einzelne Personen bezgl. ihrer Entscheidungen in Hinblick auf Befunde vorgeführt wird.

Im Anschluss wurden wir entweder dem OP oder der Dokumentation auf Station zugeteilt. Die OP-Beteiligung beschränkte sich fast ausschließlich auf Routineeingriffe wie Leistenhernien und Orchidopexien. Selbst dort hielten wir häufig nur Haken und wurden in den Ablauf kaum einbezogen. Fragen wurden in den meisten Fällen nicht beantwortet, sondern mit Aussagen wie „lies das doch danach nach“ oder „dafür solltest du dich vorher vorbereiten“ abgewiegelt.

Mir ist völlig bewusst, dass auch die Assistenzärzt:innen die OPs brauchen, um ihre Ausbildung zu absolvieren. Trotzdem: Ein PJ-Tertial in der Chirurgie sollte eben auch chirurgisches Lernen ermöglichen, ansonsten sollte man eben keine PJler nehmen. Wenn man vier Monate lang nur zu einfachen Eingriffen eingeteilt wird, dort nicht einmal einbezogen wird und gleichzeitig keinen Zugang zu komplexeren OPs bekommt, weil man vorher zwingend die komplette Stationsarbeit erledigen soll, bleibt vom OP-Lernen schlicht nichts übrig. Gerade die spannenden Fälle fanden oft am Morgen statt – bis wir mit der Dokumentation und den Anamnesen durch waren, waren diese oft schon vorbei. Trotz expliziten Fragen wurde ich häufig darauf hingewiesen zunächst die Stationsarbeit zu erledigen. Warum das z. B. vor dem Mittag erfolgen musste hat mir keiner erklären können.

Hauptaufgabe: A&S – ohne Konsequenz

Unsere Hauptaufgabe bestand in der täglichen Erhebung von Anamnese und Status („A&S“) bei allen stationären Kindern – unabhängig davon, ob eine körperliche Untersuchung medizinisch sinnvoll war. Hierzu gehörten allgemeine pädiatrische sowie lokale Untersuchungen inkl. Impfstatus, HNO, Genitale, Integument etc. In der Theorie eine gute Übung, in der Praxis aber oft reine Fleißarbeit ohne medizinischen Mehrwert. Auffällige Befunde – ob Herzgeräusche, Bronchitiden oder Trommelfellperforationen – wurden nur selten weiterverfolgt. Die Begründung: „Die Kinder haben ja einen Kinderarzt.“

Erst recht frustrierend: Als ich einmal eine Woche im Urlaub war, wurden die A&S schlicht gar nicht gemacht. Kinder lagen tagelang ohne vollständige Untersuchung. Das hat sehr deutlich gezeigt, wie wenig Bedeutung dieser Aufgabe letztlich beigemessen wird – und wie sehr wir PJler als Lückenfüller für dokumentatorische Arbeit eingesetzt wurden.

Es hat in vier Monaten nie jemand kontrolliert, ob oder wie ich die Kinder untersucht habe. Ich hätte vermutlich bei jedem Kind schreiben können, dass die Trommelfelle mit Cerumen verlegt waren – Hauptsache der Status war vollständig dokumentiert.

Auch wenn sich Kinder (verständlicherweise) gegen die Untersuchung wehrten, war das kein Argument: Selbst gesunde Kinder mit Leistenhernien mussten von ihren Eltern festgehalten werden, um „den Rachenring beurteilen zu können“. Das „Warum“? Abrechnungstechnische Gründe.
Über die Art, wie dokumentiert werden sollte und welchen Teil wir aus den Notaufnahme Berichten übernehmen durften, waren sich Assistenten und Oberärzte auch ständig uneinig, was häufig dazu geführt hat, dass ich Aufgaben doppelt erledigen musste.
Anstatt einfach einmal einen vernünftigen Überblick zu geben, haben wir emails bekommen, in denen wir dafür kritisiert wurden, dass durch unsere Dokumentation Informationen verloren gehen würden.
Von da an hab ich Notaufnahme Befunde (egal wie abstrus) kopiert - das war dann von einer anderen Oberärztin nicht gerne gesehen. Auf die Frage hin wie ich nun vorgehen sollte, wies sie mich darauf hin, dass sie ranghöher sei als die andere Oberärztin.
Der genaue Ablauf wurde im Verlauf noch ungefähr 50 mal geändert - wie genau es richtig ist kann ich euch leider nach 4 Monaten auch nicht sagen, ich habe es am Ende so gemacht wie es einfach für die meisten „okay“ war.

Fallvorstellungen im Rapport – ohne Feedback, aber mit Bloßstellung

Nachmittags mussten wir die OPs für die am Folgetag geplanten Eingriffe vorstellen. Eigentlich nur bei stationären Patienten, in der Realität aber regelmäßig auch für ambulante Fälle, auch eigentlich eine gute Lernmöglichkeit. Leider wurde mir nie erklärt was relevant für einzelne Eingriffe ist, was häufig dazu führt, dass man sich im Rapport für die Präsentation rechtfertigen musste.

Es war praktisch unmöglich, es richtig zu machen: Zu viele oder zu wenige Informationen – je nach Oberarzt oder Oberärztin wurde man mehr oder weniger unhöflich unterbrochen. Eine klare Anleitung, was gewünscht war gab es in meinen 4 Monaten nie.

Bezeichnend war der „Case of the Day“, den wir PJler mittwochs im Rapport vorstellen mussten. Auch das hätte eine gute Gelegenheit zum Lernen sein können – in der Realität wurde jeder Vortrag durch ständiges Unterbrechen gestört. In meinem letzten Fall fehlte angeblich die wichtigste Information , weshalb ich mitten in der Präsentation unterbrochen wurde. Als ich darauf hinwies, dass der Punkt von mir explizit genannt wurde UND auf der Folie steht, sagte man wörtlich zu mir: „Du unterbrichst mich nicht, ich habe recht.“ Das war nicht nur sachlich falsch, sondern zeigt ziemlich gut, wie Feedback und Kritik im Kinderspital gehandhabt werden. Außerdem war die Person bis zu dem Zeitpunkt im Vortrag mit seinem Handy beschäftigt.

Fehlende Lehre und unangemessener Umgangston

Die versprochene “Teaching-Visite” durch den Chefarzt fand in vier Monaten kein einziges Mal statt. PJ-Unterricht? Ebenfalls nicht – „wir haben ja den Case of the Day“. Das war’s. Fragen wurden selten beantwortet und oft als trivial abgetan. Konstruktives Feedback zu eigenen Beiträgen gab es nicht.

Selbst wenn man Eigeninitiative zeigte – wurde man eher belächelt oder abgewiesen. Auf meine Nachfrage, warum ich nach drei Monaten nicht mehr für OPs eingeteilt werde, erhielt ich die Antwort: „Wer keine perfekten Visiten-Einträge schreibt, kann nicht erwarten, mehr zu lernen.“ Eine Rückmeldung zu meinen Einträgen hatte ich bis dahin übrigens nie bekommen.

Eigeninitiative ohne Wirkung

Ich habe mehrfach versucht, mehr mitzunehmen:

Vorstellung von Patient:innen in der Visite → kein Feedback, außer harsche Kritik bei Kleinigkeiten (z. B. falsches MRT-Datum genannt, Mittwoch statt Donnerstag: du musst dich besser vorbereiten, solche Fehler sind für alle extrem peinlich!)
Bitte um Einarbeitung im Gipszimmer → zunächst erlaubt, später wegen angeblicher Arbeitsverweigerung kritisiert (Zitat vom Chef: mach deine eigentliche Arbeit anstatt im Gips Zimmer zu chillen)
Wunsch nach OP-Beteiligung → wurde ignoriert oder mit Verweis auf „nicht perfekte“ Stationsarbeit abgelehnt

Ein geplantes Entwicklungsgespräch nach zwei Monaten verlief ergebnislos. Eine Liste mit Lernwünschen wurde zwar verlangt – erfüllt wurde nichts davon.

Wochenendeinsätze – regelmäßig, ohne echten Mehrwert

Vor dem Tertial wurde kommuniziert, dass Wochenenddienste freiwillig seien. In der Realität hieß es dann: „Jedes Wochenende muss von Unterassistent:innen abgedeckt werden.“ Da viele PJler kurzfristig abgesagt haben (was inzwischen absolut verständlich ist), war ich zwischen März und Ende Juni jedes zweite Wochenende vor Ort – im Vergleich: Die Assistenzärzt:innen kamen etwa jedes 6.–8. Wochenende zum Dienst.

Der vermeintliche Vorteil – „mehr Eigenverantwortung“ – entpuppte sich schnell als Illusion. Ich durfte mehr A&S machen, mehr Doku schreiben, aber nicht mehr lernen. Während ich an einem Samstag 17 A&S erledigte sowie die komplette Visite dokumentierte, waren die Assistentin und Oberärztin mit einem Appendix beschäftigt (effektiver Eingriff 60 Minuten) gingen anschließend essen – ich dokumentierte bis 16:30 Uhr durchgehend allein.

Das Argument „Du bist da, um zu helfen“ wurde leider ausschließlich in Richtung der PJler ausgelegt, wenn ich meine kompensationstage nahm wurde mir immer wieder sogar im Rapport gesagt ich sei ständig nicht da, und das obwohl ich mehr als einmal sieben Tage am Stück gearbeitet hatte.

Arbeitsklima – Druck von oben, Frust unten

Die Assistenzärzt:innen wirkten durchweg unzufrieden. Nach meinem Eindruck lag das aber nicht allein an ihrer Einstellung – sondern an der Art und Weise, wie sie selbst von Oberärzt:innen und dem Chef behandelt wurden. Herabwürdigungen im Rapport, mangelnde OP-Beteiligung und fehlende Anerkennung führten bei vielen zu auch häufig erwähnten Frust.

Dieses Klima übertrug sich natürlich auch auf uns PJler. Ich habe mehrfach beobachtet, wie Assistenzärzt:innen öffentlich herabgewürdigt oder lächerlich gemacht wurden – auch das lässt tief blicken, wie wenig Wert auf respektvolle Zusammenarbeit gelegt wird.
Obwohl die Assistenten selber unter dem Verhalten litten, hat es aber nicht dazu geführt dass wir in irgend einer Art und Weise unterstützt wurden.
Unsere Partei wurde bei Demütigungen im Rapport grundsätzlich nie ergriffen - obwohl die Dinge teils mehrfach mit den Assistenten besprochen waren.

Positiv: Die Kinderorthopädie – echte Lehre und Wertschätzung

Hervorheben möchte ich an dieser Stelle explizit die Kinderorthopädie. Dort wurde ich von Anfang an freundlich aufgenommen, durfte bei OPs aktiv mithelfen und bekam Dinge erklärt. Der Chefarzt der Orthopädie nahm sich regelmäßig Zeit, mir Eingriffe und Krankheitsbilder zu zeigen. Auch Nähen wurde mir hier beigebracht – auf Augenhöhe, mit Geduld und Interesse. Die Sprechstunden waren ein echter Lehrgewinn .
Wenn es möglich wäre, das gesamte Tertial in der Kinderorthopädie zu verbringen, würde ich es sofort empfehlen.
Leider wurden die Bemühungen des orthopädieteams vom restlichen Kinderchirurgischen Team nicht anerkannt und teilweise sogar torpediert. Wenn ich für OPs in der Orthopädie explizit eingeplant wurde, kam es mehrfach vor, dass man mir sagte ich solle die Zeit nutzen und starionsarbeit machen und andere Assistenten sind zu den Eingriffen gegangen.

Schade – das orthopädische Team hätte ein sehr viel besseres Lernumfeld, gute Stimmung und arbeiten auf Augehöhe geboten.

Als zum Schluss einige Assistenten im Urlaub waren, ist es dann doch 2-3x vorgekommen, dass ich erste Assistenz sein musste.
Eigentlich hatte ich mich gefreut, allerdings wurde das, vor allem von den Oberärzten der Kinderchirurgie, nicht gerne sehen.
Als ich die Erste Assistenz bei einer Unterarm Fraktur übernehmen sollte, wurde im op mit den Worten: also bei aller Liebe , da brauch ich jemanden der das wirklich assistieren kann, empfangen.
Leider gab es dann niemand anderen, weshalb ich dann doch assistieren musste (hat überraschenderweise trotzdem geklappt).
Der Chef der Kinderorthopädie hatte sich sogar mehrfach dafür eingesetzt dass als die Assistenten schlechter besetzt waren, ich in die OPs eingeteilt werde - das hat zu Aussagen geführt wie: es ist schon soweit gekommen dass ich alleine mit der PJlerin operieren musste (Oberarzt Kinderchirurgie)
Insgesamt sind wir unerwünscht - außer natürlich für Doku Kram.


Fazit

Ich habe das Fach Kinderchirurgie immer spannend gefunden und mich sehr auf die Zeit in Luzern gefreut. Leider war die Realität in der Kinderchirurgie-Abteilung ernüchternd. Die Stimmung im Team war schlecht, der Umgangston unangemessen, echte Lehre fand kaum statt. Ich war mehr mit Dokumentieren als mit Lernen beschäftigt, musste wiederholt am Wochenende arbeiten, ohne dass es fachlich etwas gebracht hätte – und bekam für Eigeninitiative keine Anerkennung, sondern meist sogar Gegenwind.

Das Luzerner Kantonsspital mag in vielen Bereichen hervorragend sein – die Kinderchirurgie gehört aus meiner Sicht für PJler derzeit nicht dazu. Wer das Fach interessant findet, sollte sich nach anderen Standorten umsehen – oder bestenfalls Urlaub in Luzern machen.
Bewerbung
2 Jahre
Unterricht
Kein Unterricht
Tätigkeiten
Röntgenbesprechung
Untersuchungen anmelden
Botengänge (Nichtärztl.)
Dienstbeginn
7:00 bis 8:00 Uhr
Dienstende
17:00 bis 18:00 Uhr
Studientage
Gar nicht
Tätigkeiten
Kleidung gestellt
Mittagessen regelmässig möglich
Aufwandsentschädigung / Gehalt
Gehalt in EUR
1200 CHF
Gebühren in EUR
400 CHF Wohnheim, 60 CHF Parkplatz

Noten

Team/Station
6
Kontakt zur Pflege
2
Ansehen des PJlers
6
Klinik insgesamt
6
Unterricht
6
Betreuung
6
Freizeit
6
Station / Einrichtung
6
Gesamtnote
6

Durchschnitt 5.73